Konflikte sind in der Schule an der Tagesordnung

Zwischen Schülern, mit Eltern, unter Kollegen, mit Vorgesetzten, zwischen Lehrern und Schülern. Für den Umgang damit, ist insbesondere die Art der Kommunikation entscheidend, erklärt Konfliktexperte Timo Müller im Interview mit didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen.

didacta: Herr Dr. Müller, am bequemsten ist es, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Warum sollte man das gerade nicht tun?

Timo Müller: Ein Konflikt bietet immer die Chance zur Veränderung und zur Verbesserung. Man hat außerdem die Möglichkeit, emotionalen Ballast abzuwerfen. Wenn ich durch den Konflikt hindurchgehe und ihn gut austrage, herrscht danach Klarheit. Und am Ende ist vielleicht eine Lösung da, sodass alle Beteiligten sich wieder in die Augen schauen können.

Was ist wichtig, um einen Konflikt „gut“ auszutragen?

Es gibt Ansätze, die immer gelten: Man hört zu und versucht zu verstehen, was das Gegenüber will, was jemand anderes denkt und fühlt. Man sollte zudem mit einer neutralen Person darüber reden – nicht um ein Konfliktlager zu bilden, sondern um sich neue Perspektiven an Bord zu holen. Grundsätzlich gilt auch, transparent zu kommunizieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Lehrkraft sollte beispielsweise bei einem Lehrer-Schülerkonflikt nicht einfach die Eltern kontaktieren, ohne das vorab beim Schüler anzukündigen. Offenheit ist auch in der Kommunikation mit den Schülern wichtig.

Wenn es zum Gespräch kommt, auf was sollte ich achten?

Ich muss meine Position schildern, aber darf die andere dadurch nicht abwerten. Es geht nicht darum, wer Recht hat und wer nicht. Wenn ein Kind sagt, ich fühle mich in der Klasse benachteiligt, stelle ich seine und meine Position erst einmal nebeneinander. Danach geht es nicht in erster Linie um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft: Wie können wir gemeinsam die Zukunft gestalten, sodass wir miteinander klarkommen? Lehrkräfte sollten dabei insbesondere auf ihre Formulierungen achten, denn manchmal formuliert man „Dinge“ etwas härter und merkt gar nicht, dass es als Vorwurf ankommen kann.

Muss ich mich, je nach Art des Konfliktes, anders verhalten?

Es gibt Sachkonflikte, wie etwa eine Diskussion um Noten, oder „Miteinander“-Konflikte, wenn ich mich beispielsweise nicht respektvoll behandelt oder nicht verstanden fühle. Oft verlaufen beide parallel zueinander. Das heißt, augenscheinlich geht es um die Note, aber im Hintergrund schlummert etwas anderes. Man muss am eigentlichen Konflikt ansetzen und zunächst immer das Gespräch suchen. Und wie lässt sich der eigentliche Konflikt herausfinden? Es beginnt damit, herauszufinden, wo denn wirklich der Schuh drückt. Durch welchen Konflikt entstehen die größten beziehungsweise meisten negativen Emotionen? Teilweise ist der primäre Konflikt nicht direkt zu erkennen. Manchmal erkennt man erst bei der gemeinsamen Analyse des Konfliktgeschehens, worum es beim Gegenüber tatsächlich geht.

Lehrkräfte müssen manchmal als Konfliktmoderator fungieren, wenn sich Schüler streiten. Welchen Tipp haben Sie für diese Rolle als Streitschlichter? 

Sie sollen darauf achten, dass die Schüler Kommunikationsregeln einhalten: Dazu zählt, den anderen ausreden zu lassen und keine Beleidigungen zuzulassen. Sie sollten auch viel mit Fragen arbeiten. Die Rolle der Lehrkraft kann man hier mit der einer Führungskraft im Unternehmen vergleichen und da gilt: Sie darf nicht „durchregieren“, sondern muss den Rahmen dafür schaffen, dass die Parteien miteinander ins Gespräch kommen und zusammen eine Lösung finden. Bei Schulkindern jüngeren Alters ist es gewiss sinnvoll, Hilfestellungen zu geben. Etwa, indem die Lehrkraft Vorschläge macht und/oder einen Perspektivwechsel ermöglicht.

Wann sollte sich eine Lehrkraft Hilfe von extern holen? 

Entscheidend ist, ob man noch miteinander reden kann oder der Konflikt bereits so weit eskaliert ist, dass ein vernünftiges Gespräch nicht mehr möglich ist. Und egal, ob der Lehrer nun selbst am Konflikt beteiligt oder Streitschlichter ist, immer gilt: Wenn er emotional zu befangen ist, muss er sich Unterstützung „ins Boot holen“. Das kann der Vertrauenslehrer sein, der Schulleiter sein oder ein Experte von außen.

Welche Regeln sollte man in der Schule aufstellen, damit ein Konflikt gar nicht erst eskaliert? 

Keine Beleidigungen, kein Anbrüllen, stattdessen Ich-Botschaften verwenden. Wählen Sie Formulierungen wie: „Ich wünsche mir, dass …“. Das ist der Ansatz der gewaltfreien Kommunikation. Kindern sollen nicht in der sogenannten Wolfssprache sprechen, sondern lernen, sich vorwurfsfrei ausdrücken. In speziellen Trainings lernen sie, verbal Grenzen zu setzen, aber manche Dinge auch mit sich selbst auszumachen. Aber nicht nur für Schüler sind solche Trainings gut, auch Lehrer brauchen Wissen und praktische Fähigkeiten zum Konfliktmanagement.Bei diesem Thema werden sie leider bisher zu oft alleine gelassen. Rollenspiele in einem Trainingskurs können helfen, um auf Konfliktsituationen besser vorbereitet zu sein. Wer erfolgreich mit Konflikten umgehen kann, erlebt weniger Stress. Professionelle Konfliktmanagement-Kenntnisse sind ein wichtiges Werkzeug - gerade in einer Zeit, in der Eltern ihre Kinder stärker vertreten als früher und gerne auch auf Konfrontationskurs zur Lehrermeinung gehen.

Text Silvia Schumacher

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2019, S. 12-14, www.didacta-digital.de

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